„Mama, wohnt Papa jetzt nicht mehr hier?“

Ich verschlucke mich fast an meinem frisch aufgebrühten Espresso.

Es ist Sonntag am frühen Vormittag. Wir sitzen am reich gedeckten Frühstückstisch und warten auf Brezen und Croissants, die im Ofen aufbacken. Eigentlich ein typisches Bild einer Familie, nur dass wir jetzt zu dritt am Küchentisch sitzen. Meine kleine Ronja Räubertochter plappert die Frage wie ein Papagei nach. Was soll sie, mit drei Jahren, auch anderes tun? Es versetzt mir einen Stich und mir wird flau im Bauch. Meine Fünfjährige schaut mich neugierig und abwartend an.

Ich wusste, dass die Fragen kommen würden. Nichts und niemand konnte mich jedoch auf diesen Moment vorbereiten. Während ich noch einen Schluck Kaffee trinke, versuche ich meine Gedanken zu ordnen. Ich werde von zwei Augenpaaren genau beobachtet. Schließlich hole ich tief Luft und stelle mich dem Unausweichlichen.

Es folgt ein Kreuzverhör.

Diese kindliche ehrliche, offene und direkte Art trifft mich bis in die letzte Zelle. Die „Wieso? Weshalb? Warum?“ Fragen und wiederholte nachbohren, bringen mich an meine Grenzen. Ich fühle mich nackt und bloßgestellt. Selbst Ronja Räubertochter hat Gesprächsbedarf. Das hätte ich ihr mit ihren drei Jahren nicht zugetraut. Jede Frage trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich fühle mich tieftraurig, verletzt, ohnmächtig und wütend. So unglaublich wütend! Und das alles gleichzeitig! Als hätte man alle meine Gefühle in ein Gefäß hinein gegeben und ordentlich durchgeschüttelt: „Bitte sehr, Ihr Cocktail, Madam.“ Schönen Dank auch!

Es ist unser erstes Gespräch von vielen. In meinen Mädchen arbeitet es auf Hochtouren. Ich kann mir nur vage vorstellen, wie es in ihnen aussehen muss. Auf jeden Fall weiß ich, wie es in mir aussieht. Wir stehen vor einem Neuanfang. Dafür muss erst mal unser altes Leben enden. So ist das wohl und doch will ich es nicht. Ich will diesen ganzen Schmerz nicht mehr. Ich will das ohnmächtige Gefühl nicht mehr. Und doch atme ich weiter und setze einen Fuß vor dem anderen. Was bleibt mir auch anderes übrig? Ein Zurück gibt es nicht mehr.

Ein klein bisschen stolz bin ich auch auf mich und auf uns. Ich schaffe es jedes Mal, sachlich zu bleiben und meinen Mädchen auf Augenhöhe zu begegnen. Denn ich bin überzeugt: Meine Kinder brauchen eine authentische Mama. Alles andere wäre eine Lüge.

Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Phase.

Ich bin unrund. Meine Kinder sind das auch. Sie sind mein Spiegelbild. Oft will ich gar nicht hineinschauen, will mich vor ihnen und dem Rest der Welt verstecken. Die menschliche Neugier ist in Wahrheit ein Sadist. Ich kann es nicht lassen. Dann schaue ich noch genauer hin und erschrecke. Was habe ich getan? In solchen Augenblicken habe ich das Gefühl, mitten im Ozean ausgesetzt worden zu sein. Die Wellen schlagen über meinem Kopf zusammen. Das Ufer ist kilometerweit entfernt. Schwimm oder ertrinke. Einen Atemzug lang lasse ich mich treiben. Doch dann schaue ich in die Gesichter meiner Kinder. Die schwarzen Wolken verziehen sich, und ich fange an zu schwimmen.

Die erste Zeit war wirklich hart. Meine Große war zur Rebellin im ganz großen Stil geworden. Meine zuckersüße Lilifee, die Einhörner liebt und mit der ganzen Welt befreundet sein möchte, mutierte plötzlich zum wutverzehrten Rumpelstilzchen. Ihre kleine Schwester vereinte alle Charaktere von Astrid Lindgren in sich. Sie wurde zu Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf und Michl. Sie schrie und schlug ständig um sich. Ich blieb davon auch nicht verschont. Der Weltuntergang war vorprogrammiert, wenn etwas nicht so lief, wie sie es sich vorgestellt hatten. Noch schlimmer war es, wenn beide in solchen Momenten aufeinandertrafen: ARMAGEDDON!!!

Es war völlig egal, was ich sagte oder tat. Ob ich selbst mitschrie (Gruppenzwang!), es leise und ruhig erklärte oder bestimmend wurde. Total wurscht. Ich hatte keine Chance. Es ging gar so weit, dass unsere Nachbarin von unten uns eines Abends einen Besuch abstattete. Sie schilderte, dass ihre Gläser in den Schränken erzittern und ihre Lampe wackeln würden. Sie wisse ja, dass ich wilde Mädchen hätte, aber so ginge das nicht mehr weiter. „Aha. Ja, is klar, nee?!“ Ich habe sie freundlich ihrer Wege geschickt und natürlich versprochen, die Information weiterzugeben. Des Nachts war dann zwar Ruhe eingekehrt, aber getan war es nicht. Meine Mädchen krabbelten unter meine Bettdecke und kuschelten sich eng an mich. Sie holten sich Geborgenheit, Wärme, aber vor allem Sicherheit. Ich habe sie bei mir schlafen lassen, auch wenn ich dabei kein Auge zu bekam. Es war das Mindeste, was ich für sie tun konnte: Einfach da sein.

Die Duracell-Werbung ist eine große, fette Lüge!

Meine Batterie war schon lange aufgebraucht. Wie ich weiter funktionieren konnte, weiß ich nicht. Das ist wohl ein Mama-Phänomen. Neben meinen zwei völlig außer Rand und Band geratenen Mädchen muss ich mich noch mit einer Reihe anderen Dingen auseinandersetzen. Der alte Hausstand möchte aufgelöst, unser Umzug organisiert und Bürokratenkram muss erledigt werden. Um mich selbst, habe ich mich noch gar nicht gekümmert. Oft genug hab ich Sätze wie: „Du musst Dich durchsetzen!“, „Das darfst Du dir nicht gefallen lassen!“ oder „Du musst mal ordentlich auf den Tisch hauen! Das geht doch nicht!“ gehört. Anders herum kamen auch so Sprüche wie: „Das wolltest Du doch so!“, „Der Kaas is bissn“ oder „Des wird scho!“. In solchen Augenblicken läuft vor meinem inneren Auge eine Szene aus „The Last Man Standing“ mit Michael Douglas ab. Geht´s ma mit eier Sprüche net a no am Oarsch, zefix!!!

Es ist genug, dass ich zu bewältigen habe. Zwischendurch merke ich, wie meine Fassade zu bröckeln beginnt. Mir wird eiskalt. Ich fange an zu zittern und meine Beine werden zu Gelee. Mein Hals schnürt sich zu. Ich kann es dann nicht mehr aufhalten. Meine Augen haben ein Leck, bis der Damm völlig gebrochen ist. Dann gibt es kein Halten mehr. Die Welt verschwimmt vor meinen Augen. Aus der Ferne nehme ich meine Mädchen wahr. Ihre kleinen Hände umschließen mich. Sie streicheln meine Haare und drücken mich fest. Wenn ich wieder sprechen kann, sage ich ihnen, dass auch Mamas weinen und traurig sein dürfen. Dass es aber nichts mit ihnen zu tun hat. Die Große meint dann: „Ist eben alles zu viel gerade, gell Mami?“ Himmel, wie soll ich bei solch kindlichen Weisheiten aufhören zu weinen? Ich nicke und schluchze: „Meine Batterie ist leer.“ Ronja Räubertochter alias Pippi Langstrumpf alias Michl sagte beim letzten Mal: „Komm her, Mami. Ich fülle deine Batterie wieder auf.“ Oh zefix noch a mal! Scheiß Tränen, ehrlich wahr!

Wir lotsen unsere Grenzen als Dreiergespann neu aus.

Das Rumpelstilzchen hat sich wieder verabschiedet und auch unsere Kleine ist nur noch Ronja Räubertochter. Das Hauen hat aufgehört. Das Schreien nicht ganz. Und das ist verdammt gut so! Schließlich soll auch Ronja ihren Gefühlen Ausdruck verleihen dürfen. Dennoch klappt das Auslotsen zuweilen richtig gut. Ich betone den Mädchen gegenüber deutlich, dass sie keinerlei Schuld an Mamas Gefühlschaos haben. Meine Lilifee hat nach wie vor, Rede- und Diskussionsbedarf. Das finde ich gut und wichtig so, egal wie weh es mir tut oder wie mühsam es ist. Die Nächte sind auch wieder entspannt.

Schrittweise verändert sich unser neues Familiendasein. Ich gestehe meinen Mädels immer mehr Selbstbestimmung in ihrem Handeln zu. Das klingt spektakulärer als es vielleicht ist. Für die Mädchen jedoch bedeutet es die Welt. Sie sind und bleiben wilde Hühner, aber sie wirken ausgeglichener und runder. Sie spüren, dass ich ihre Bedürfnisse und Meinungen ernst nehme. Wir sind auf Augenhöhe. Jeder von uns ist wichtig. Wir sind ein Team. Und wenn sie mal daran Zweifel haben, betone ich das noch mal. Ich auf der anderen Seite kommuniziere jetzt sehr klar und deutlich, wo ich Grenzen habe, bevor sie von meinen Mädchen überschritten werden. Dadurch haben wir schon häufig Eskalation vermeiden können.

Wir sind erst am Anfang unseres drei seins, aber der Weg ist das Ziel. Wir machen einfach einen Schritt nach dem anderen. Gemeinsam.

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